Arndt von Diepenbroick in der Galerie im Körnerpark

Galerie Körnerpark - Berlin - Neukölln

Papier in Form

Andere Künstler hantieren mit dem Stift, der Palette, dem Meisel, dem Schnitzmesser, Diepenbroick rührt Leim an.

Er zerfetzt Papier und setzt an, Stückchen an Stückchen, frei antragend, oder er überzieht vorhandene Gegenstände, wie bei den Stühlen, oder er modelliert in Ton, bildet sich seine Form, die er mit Papier überformt, wie bei den Flammen, oder er mischt die drei Methoden.

Mit dem Modellieren in Ton um die Grundform zu entwickeln steht er in der Tradition jeglicher bildhauerischen Formfindung, sei es für Holz, Stein oder Metall.

Arbeiten fürs Theater oder später den Film, Masken oder Plastisches für das Szenenbild haben dem gelernten Architekten den Weg gewiesen zu seinem Werkstoff, den er allerdings nicht als Papierbrei verwendet also nicht als Papiermaché sondern sein Material schichtet.

Er verwendet Filzpapiere, wie beim Nashorn, durchgefärbte, Metall- oder verschiedene Sorten Transparentpapiere, manchmal auch historische wie beim Herbst, dem Stuhl aus den "Vier Jahreszeiten".

Seine Themen sind Licht und Luft und das Leben, Naturphänomene also, die leisen Töne des Alltags, meist von ihrer freundlichen Seite aus betrachtet, nicht ohne Unterschwelligkeiten, aber kaum je mit dem erhobenen Zeigefinger. Luft und der alte Traum vom Fliegen führten ihn in neuester Zeit zu den großen Kegelstümpfen, Lufttrichtern sozusagen. Sie machen uns nicht nur den Raum, die darin auftretende Luftbewegung, den Lichteinfall bewußt, sondern auch die Weite unserer Umgebung, ihre Unerreichbarkeit. Weniger abstrakt lenken Segelschiffe unser Denken in ähnliche Richtungen, tun es auch die großen Blätter oder die duftigen Formationen, die mit ihrer Transparenz ganz praktischen Zwecken dienen können, Sichtschutz am Fenster beispielsweise.

Feuer wärmt. Flammen können auch zerstören. Das beinah anachronistisch urwüchsige Nashorn scheint ihnen widerstehen zu können. Tiere lügen nicht.
Vom Ei, dem Ursprung allen Lebens, bis zu den Portraits von Löwe und Bär spannt Diepenbroick einen Bogen der unbefangene Klarheit zuläßt.

Stühle schaffen den Bezug zum Menschen. Gibt es ein uns näheres Möbelstück als einen Stuhl?

Der leicht vergängliche Werkstoff bietet alle Nuancen der Transparenz, alle denkbaren Farben, läßt sich gut verarbeiten, wird mit Diepenbroicks unterschiedlichen Leimmischungen sogar stabil und haltbar. Der Architekt, den das Zeichnen nicht ausfüllen konnte, wußte sein Material zu überwinden. Schwer faßbare Phänomene interessieren ihn, wie eben das Fliegen, also eine Figur für die extremste Art der Bewegung zu entwickeln, und dies auf möglichst alltägliche Weise zu zeigen: Blätter . Insofern weist das Material zum Thema.

John Lochner-Griffith • Berlin am 25. Mai 2007